Die Märchen von der Spekulation

27.05.2010 ·  Der „Fall Griechenland“ offenbart ein eklatantes Beispiel für die Verbiegung der Tatsachen: Angeblich war es die Spekulation, die zuerst Griechenland an den Rand des Staatsbankrotts getrieben hat, und dann den Euro fast zu Fall gebracht hat. Die Mär verstellt den Blick auf die wirklichen Ursachen. Ein Standpunkt des früheren Chefvolkswirts der EZB.

Von Otmar Issing

Als es in Athen kein Halten mehr gab

Schon lange war den Daten wie vielfachen anderen Informationen zu entnehmen, dass sich Griechenland mit einer durch und durch verfehlten Wirtschaftspolitik und einem abgrundtiefen Ausmaß an Korruption auf einem immer abschüssigeren Weg in den Bankrott befand. Als dann die neue Regierung das ganze Ausmaß der betrügerischen Haushaltskosmetik offenbarte, gab es kein Halten mehr. Ist es Spekulation zu nennen, wenn Pensionsfonds und Lebensversicherungen versuchen, griechische Anleihen abzustoßen, um Schaden von ihren Versicherten abzuwenden? Man kann sich leicht die Kritik derer vorstellen, die heute von Spekulation sprechen, wenn Pensionsfonds, Versicherungen und andere Finanzinstitute nicht so gehandelt hätten und später ihre Verluste auf die Versicherten abgewälzt hätten.

Die größte Gefahr von der Spekulationslegende droht dadurch, dass sie den Blick von den wahren Urhebern ablenkt, die nicht nur in Griechenland zu suchen sind. Das sind zunächst und vor allem die Staaten, die für die nationale Politik zuständig sind und die Misere ihrer öffentlichen Haushalte (und anderer Fehlentwicklungen, etwa am Immobilienmarkt) zu verantworten haben. Der hier oft zu vernehmende Hinweis auf die Finanzmarktkrise verfängt übrigens gerade im Falle Griechenlands nicht – das hohe Defizit hat im Kern ganz andere Ursachen, vor allem in hohen Ausgaben für einen aufgeblähten öffentlichen Sektor .........

 

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